Evolution

~Das Geisterhaus

1
Kevin war 15, als er mit seiner Familie nach Florida zog. Damals hatte er sich stets geweigert. Er musste seine Freunde, seine Schule und seine gewohnte Umgebung verlassen. Der erste Tag in Florida war für ihn der blanke Horror gewesen. Das Haus lag abseits am Waldrand. Daneben war ein altes kleines Haus, das unbewohnt war. Für Kevin war es gruselig hier zu wohnen. Das Nachbarhaus machte ihm Angst.
Der erste Tag an seiner neuen Schule war für Kevin auch kein Glanztag. Die Klasse war am Anfang überhaupt nicht von ihm begeistert. Er hatte lange gebraucht um Anschluss zu finden. "Du kommst aus England, wir wollen mit dir nichts zu tun haben", hatten sie zu ihm gesagt. "Auch wenn ich aus einem anderen Land komme, da ist doch nichts dabei." Am liebsten wäre er zurück nach London gegangen. Doch sine Eltern waren dagegen. "Dein Vater hat hier nun mal einen Job bekommen, der besser bezahlt wird als in London. Deine Schwester beschwert sich doch auch nicht." Seine Mutter verstand ihn einfach nicht.
Seine Schwester Cathrin war 8 Jahre alt. Sie ging in die 2. Klasse und hatte in ihrer neuen Klasse sofort Anschluss gefunden. Sie war sehr intelligent, aber keine Streberin. "Ich weiß einfach nicht, warum du dich so aufregst. Ist doch schön hier", sagte sie immer wieder zu Kevin. "Du verstehst mich einfach nicht." "Dann erklär es mir." "Keine Lust. Lass mich bitte in Ruhe." "Wie du willst." Cathrin war immer leicht eingeschnappt. Das war ihre größte Schwäche.
Das alles war jetzt genau ein Jahr her.
2
"Kevin komm. Lass uns ein wenig Basketball spielen", rief Jonas ihm zu. "Ich komme."
Kevin Brown zog seine Schuhe an und lief hinaus. Unten warteten Jonas, Marius und Alessandro auf ihn. "Da bist du ja endlich." "Entschuldigung. Hat ein bisschen länger gedauert." "Macht nichts. Los, lass uns zum Feld gehen."
Kevin war überglücklich. Er hatte Freunde und sein neues Zuhause gefiel ihm mittlerweile auch sehr gut.
..Los, gebe den Ball ab, Jonas." "Nein, spiel nach vorne." Die Jungs waren mitten im Basketballspiel. Jonas und Alessandro gegen Kevin und Marius. "Los Kevin, spiel zu mir. Noch ein Punkt und wir haben gewonnen." Kevin Brown gehorchte. Mit einem Satz war der Ball bei Marius. Dieser trippelte geschickt in Richtung Korb und stieß in ab. Der Ball flog in die Luft und landete im Korb. "Juhu. Wir haben gewonnen." "Super gespielt." "Danke."
Sie wollten gerade ein neues Spiel beginnen, als die Brokers vor ihnen standen. Die Brokers waren eine der übelsten Gangs der Stadt. "Na. Wie wäre es mit einem Spiel?" "Danke kein Interesse." "Pass auf was du sagst, Brown." "Kevin knurrte. "Wenn du willst, Sebastian. Dann los." Die Teams stellten sich auf. Alessandro eröffnete das Spiel. Beide Teams gaben alles. Doch am Schluss gewannen die vier Freunde. "Tja, Brokers. Nur böse sein ist es nicht. Man muss sich auch beweisen können." Die Brokers murmelten noch etwas Unverständliches und zogen dann ab. Die Freunde schlugen in die Hände. "Los. Lass uns zu Kevin gehen", schlug Jonas vor. "Genau. Dann gehen wir zu dem Mysteryhaus." "Was?" "Komm." "Mensch Kevin. Sei kein Spielverderber." Nach kurzem Zögern willigte Kevin ein. "Na gut. Lass uns dahin gehen."
Das Haus war ziemlich zum Einreißen. "Gehen wir rein." "Oh super. Ich will auch mal wissen, wie es drinnen aussieht."
Jonas ging als erstes in Richtung Eingang. Er wollte die Türe öffnen, doch diese klemmte. "Man merkt, dass das Haus uralt ist." "Lasst uns wieder gehen." "Kommt nicht in Frage." Jonas trat so fest an die Türe, dass diese schließlich aufsprang. "Na also."
Sie gingen hinein. Was sie da sahen, ließ sie allerdings nicht verwundern. Alles war verstaubt. "Cool." "Na ja. So schön ist es auch nicht." "Mein Dad hat mir erzählt, dass das Haus schon 500 Jahre alt ist. Der letzte Besitzer dieses Hauses soll ein gewisser David Tramp gewesen sein. Das war vor ungefähr 100 Jahren. Er hat aber nicht lange hier gewohnt. Ist einfach auf mysteriöse Art verschwunden. Seitdem steht das Haus leer." "Auf mysteriöse Art?" "Ja. Keiner weiß wie. Die Nachbarn, also die in dem Haus gewohnt haben, in dem ihr jetzt wohnt, dachten auf dem Haus läge ein Fluch. Die sind dann alle weggezogen. Die Geschichte wird von Generation zu Generation weitererzählt." "Wem hat das Haus gehört?" Ich meine den allerersten Besitzer." "Julia Crawford hat das Haus gebaut. Sie war eine sehr reiche Frau. Sie wurde mit 35 in dem Haus hier ermordet. Deswegen heißt es, dass das Haus verflucht sei. Alle, die das Haus gekauft hatten, sind nicht älter als 35 Jahre geworden oder sind auf mysteriöse Art verschwunden." "Und das erzählst du mir erst jetzt?" "Entschuldigung. Wir hielten es nicht für wichtig." "Hast jetzt wohl Schiss bekommen? Wir sind doch eh schon im Haus." Kevin ging nicht weiter. Diese Geschichte hatte ihm Angst eingejagt. "Los jetzt." "Ok. Lasst und mal das Haus anschauen." "Ich wollte schon immer mal hier rein." Kevin blieb hinter seinen Freunden. Er wollte so schnell wie möglich hier raus. "Ach Kev. Wir haben dir vergessen etwas zu sagen." "Bitte nicht noch eine Gruselgeschichte." "Doch. Die Besitzerin, Julia Crawford, hatte eine 2-jährige Tochter. Die ist nach der Ermordung ihrer Mutter spurlos verschwunden." "Na toll. Noch etwas, was ich vielleicht wissen sollte?" "Nein."
Cathrin war mit ihren Freundinnen Sharon Stone und Ashley Grase gerade bei ihrem Haus angekommen. Die drei Freundinnen wollten gerade in das Haus, als Sharon rief: "Hey. Dort in dem Haus steht doch die Türe offen." "Stimmt. Kommt, lasst uns nachsehen", meinte Ashley. "Spinnst du?" "Kommt. Uns wird schon nichts passieren." Ashley war schon auf dem Weg in Richtung Haus verschwunden. Cathrin und Sharon blieb nichts anderes übrig, als Ashley hinterher zu laufen.
"Hallo?" "Ja?" Die Jungs drehten sich um. "Ihr?" "Jungs, was macht ihr hier?" "Uns umschauen und ihr?" "Wir sahen, dass die Türe auf war und da sind wir hierher, zum Nachschauen, wer hier ist." "Ihr habt hier nichts verloren. Das hier ist ein wertvolles Haus", schrie Ashley, die auf 180 Grad war, die Jungs an. "Entschuldigung. Wir gehen ja schon raus." "Das will ich auch hoffen."
Kevin schlief in dieser Nacht sehr unruhig. Dauernd dachte er an das Haus. "Was ist, wenn es da wirklich spukt?" Diese Frage hämmerte dauernd in seinem Kopf herum.
Er stand auf, um sich in der Küche etwas zu trinken zu holen. Auf den Weg in die Küche, musste er an das Fenster vorbei, das auf das Haus zeigte. Was er da sah, ließ ihn das Blut in den Adern gefrieren. In dem Haus brannte Licht. "Oh mein Gott." Er wollte gerade weiterlaufen, als er in dem Haus eine junge Frau in einem weißen Gewand sah. "Was geht denn da ab?" Er legte sich wieder in sein Bett. Etwas trinken wollte er nicht mehr.
3
Am nächsten Morgen brauchte Kevin ewig, um aus dem Bett zu kommen. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Die Frau, das Haus, das Licht. Er wollte es Cathrin sagen, aber er traute sich nicht. "Morgen Bruderherz." "Morgen." "Hey. Was ist denn?" "Nichts." "Ich weiß doch, wenn mit dir etwas nicht stimmt." "Es ist wegen dem Haus." "Was ist damit?" "Ich war gestern Abend noch einmal wach. Wollte mir aus der Küche etwas zu trinken holen. Als ich an dem Fenster vorbei ging, sah ich in dem Haus etwas Merkwürdiges." "Und was?", drängte Cathrin. "In dem Haus brannte Licht und eine Frau in einem weißen Gewand. Sie stand am Fenster." "Was?" "Ja." "Wie kann das sein. Ich dachte das Haus sei unbewohnt." "Ist es ja auch. Seit 100 Jahren. In dem Haus spukt es wirklich." "Sind deshalb die Menschen die vor uns in dem Haus gewohnt haben, weggezogen?" "Gut möglich. Also ich will auch nicht gerade in einem Haus wohnen, in dem es nebenan spukt." "Was machen wir jetzt?" "Wir sagen es erstmal niemanden, sondern bleiben heute Nacht wach." "In Ordnung."
Am Abend blieben Cathrin und Kevin wach und schauten aus dem Fenster. Doch nichts passierte. "Mann, wieso passiert denn nichts!" Kevin war am Verzweifeln. "Vielleicht passiert es nur an bestimmten Tagen oder du hast das alles nur geträumt." "Gestern war aber kein besonderer Tag und ich habe mir das nicht ausgedacht." "Schon gut. Am besten wir fragen morgen Mama." "Weswegen?" "Ob gestern ein bestimmter Tag war." "Ok. Dann gehen wir am besten schlafen." "In Ordnung. Ich kann morgen auch mal Ashley fragen. Schließlich hat sie mir das alles erzählt. Vielleicht war gestern ein bestimmter Tag von Julia Crawford." "Ok. Aber willst du Ashley wirklich sagen, was ich gesehen habe?" "Ja klar. Ashley weiß sehr viel darüber." "Na Gut." "Ok. Gute Nacht." "Gute Nacht bis morgen."
Am nächsten Tag gingen die Geschwister vor der Schule noch zu ihrer Mutter Beverly um zu fragen, ob gestern ein bestimmter Tag war. "Mama. Wir haben mal eine Frage. War gestern ein bestimmter Tag?" "Nein, wieso fragt ihr?" "Nur so. Hat keinen Grund." "Ach so." "Wir müssen jetzt zur Schule Mama. Tschüss." "Bye." Beverly schaute ihren Kindern kopfschüttelnd hinterher und widmete sich dann wieder dem Abwasch.
Cathrin verabschiedete sich von ihrem Bruder und lief in ihre Klasse. "Morgen." "Morgen Cath." "Du Ashley, ich muss mal mit dir reden." "Klar, schieß los." Doch in diesem Moment kam Mrs. Maria Malton, die Englischlehrerin herein und alle mussten sich auf ihre Plätze setzen. "Wir reden in der Pause." "Ok, bis dann." Cathrin setzte sich neben Sharon und Ashley neben Kate.
Die drei Stunden bis zur Pause waren ziemlich lange. Eigentlich war das immer so. aber diesmal war es für Cathrin eine halbe Ewigkeit.
Endlich läutete es zur Pause. Ashley ging in den Pausenraum, Cathrin rannte ihr hinterher. "Ashley." "Oh hi, Cath. Du wolltest doch mit mir reden." "Genau. Wenn es geht unter vier Augen." "Klar. Gehen wir darüber." Cathrin folgte ihr. "War vorgestern hier in Florida ein bestimmter Tag?" "Nein. Wieso fragst du?" "Na gut. Pass auf. Vorgestern hat mein Bruder Kevin, als er nachts aufgestanden ist, in dem Haus Licht gesehen und eine Frau in einem weißen Gewand." "Was?" Ashley war die Panik ins Gesicht geschrieben. "Also war an dem Tag nichts Besonderes?" "Nur Vollmond." "Also kann es daran gelegen haben", überlegte Cathrin laut. "Wann ist übrigens Julia Crawford gestorben? Ich meine umgebracht worden." "Am 13. Oktober 1565." "Woher weißt du das alles?" "Von meinem Vater." "Hatte Julia Kinder?" "Ja, eine Tochter Namens Ashley. Der Vater war Julias Freund Daniel More. Es heißt, es soll Daniel gewesen sein, der Julia umgebracht hat. Ashley soll Zeuge des Geschehens gewesen sein. Sie ist seitdem verschwunden. Auch Daniel More hat man nie wieder gesehen." "Oh Mann!" Cathrin war von der Geschichte erschüttert. "Danke, dass du mir das alles erzählt hast. Das muss ich daheim sofort Kevin erzählen." "Tu das." Sie gingen zu den anderen zurück, unterhielten sich noch ein wenig mit ihnen und gingen dann, als es klingelte in ihre Klasse zurück.
4
Nach der Schule rannte Cathrin nach Hause. Sie musste unbedingt ihrem Bruder erzählen, was sie von Ashley erfahren hatte. "Kevin, ich muss mit dir reden." "Schieß los." "An dem Tag, an dem du die Frau gesehen hast, war Vollmond. Julia hatte übrigens eine Tochter Namens Ashley. Sie soll die Ermordung ihrer Mutter gesehen haben. Es soll ihr Vater Daniel More gewesen sein. Er und Ashley sind seitdem verschwunden. Man hat ihre Leichen niemals gefunden." "Oh Mann!. Also müssen wir wieder warten bis Vollmond ist?" "Genau." "Na toll. Wann ist der nächste Vollmond?" "In zwei Wochen ungefähr." "Oh nein." "Doch leider." "Mist. Ich hasse es, warten zu müssen." "Ich auch." "Kinder! Essen!", schrie Beverly ihre Kinder. "Wir kommen Mom." "Los, lass uns noch unten gehen. Wir können dann ja noch mal zu Ashley, vielleicht kann sie uns noch etwas darüber sagen."
"Mom. Dürfen wir noch mal weg?", fragte Kevin, nachdem alle aufgegessen hatten. "Klar. Seit bitte um sieben wieder da." "Sind wir."
"Guten Abend. Ist Ashley da?", fragte Cathrin, als Herr Grase die Türe geöffnet hatte. "Klar, kommt rein." Die beiden traten ein und gingen in Richtung Ashleys Zimmer. Kevin klopfte an. "Herein", hörten sie Ashleys Stimme von innen. "Hi Ashley." "Oh hi Kevin, hi Cathrin. Was gibt es?" "Wir wollten noch einmal mit dir reden. Gibt es irgendwas, dass du uns noch nicht über das Haus gesagt hast?" "Nein wieso?" "Nur so." "Ich hab euch alles gesagt." "Gut. Wir müssen jetzt wieder gehen." "Ok. Bis morgen." "Bye."
"Tja, das hat uns nicht gerade weitergebracht." "Lass uns morgen in das Haus gehen." "Was?" "Ja. Nach der Schule. Vielleicht finden wir etwas." "Na gut."
Wie vereinbart gingen die Geschwister am nächsten Tag zu dem alten Haus. "Na dann los. Lass und reingehen", sagte Cathrin und ging voraus. Als diese die Türe öffnete, quietschte diese gewaltig. "Komm." Die beiden gingen hinein und schauten sich um. "Los, lass uns nach oben gehen." "Das würde ich an euerer Stelle besser lassen", hörten die beiden plötzlich eine Stimme hinten ihnen sagen. Sie drehten sich um und erstarrten.
5
Hinter ihnen stand Ashley. "Ashley, was machst du denn hier?" "Besser ist doch, was ihr hier macht." "Wir suchen das Haus ab." "Ihr habt in meinem Zuhause nichts zu suchen." Kevin und Cathrin schauten Ashley unglaubwürdig an. "Was?" "Ihr habt richtig gehört. Das ist mein Haus. Ich habe hier gelebt, bis mein so genannter Vater meine Mutter umgebracht hat." "Deshalb wusstest du alles. Aber du kann das möglich sein. Du hast vor 500 Jahren gelebt." "Ihr wisst ja eh schon viel zu viel. Es war vor 503 Jahren. Mama und ich zogen gerade in das Haus. Papa hatte einen Job in Texas bekommen, deshalb hat er nicht mit in dem Haus gewohnt. Eines Tages kam er und hat sich mit Mama gestritten Ich habe sie schreien gehört und bin dann unter und habe durch den Türspalt geschaut. Dad hat Mama genommen und ihr die Luft abgedrückt. Ich konnte nicht begreifen, wieso und bin dann abgehauen. Ins Ausland. Keine Ahnung was mit Dad geschehen ist. Ich habe mich dann umgebracht. Konnte Mamas Tod nicht ertragen. Nach vielen Jahren bin ich schließlich wieder geboren um mich um das Haus zu kümmern." "Was ist mit den Nachmietern passiert?" "Das war alles mein Geist. Niemand sollte älter werden als meine Mama." Cathrin begann zu grinsen. "Ich muss euch jetzt leider töten." Die Geschwister schauten sie ungläubig an. "Was?" "Ihr wisst zu viel."
6
"Sag das noch mal." "Ihr wisst zu viel." Bevor Ashley noch irgendwas sagen konnte, hörten sie Sharons Stimme. "Hallo. Seid ihr da drin?" "Oh hallo Sharon. Ja, sind wir. Komm doch hoch", antwortete Ashley übertrieben höflich.
"Jetzt sind wir ja alle vereint." "Was?" "Ashley ist die Tochter von Julia. "Was, das kann nicht wahr sein." "Oh doch. Los. Gehen wir nach oben." "Ashley, bitte. Lass uns reden." "Ich wüsste nicht worüber." "Bitte. Wir können doch nichts dazu, was passiert ist. Bitte lass dir von uns helfen über diese Tragödie hinweg zu kommen." "Nein." "Dann muss ich es tun", schrie Kevin und rannte nach unten. "Bleib stehen." Ashley rannte hinterher.
Als sie unten ankam hatte Kevin bereits ein Feuerzeug in der Hand. "Was tust du da?" "Wenn man das Haus anzündet, werden die Seelen, die hier hausen, vernichtet, richtig?" "Das kannst du nicht machen. Mama hat hier gewohnt und ich auch." "Oh doch. Ich kann das tun und werde es auch." Kevin schmiss das Feuerzeug mit der Flamme die er entzündet hat in die Luft. Nach wenigen Sekunden fing das Haus auch schon Feuer. "Alle raus hier", schrie Kevin nach oben, bevor er nach draußen rannte. "Nein, meine Seele", rief Ashley, bevor sie ebenso nach draußen rannte.
Wenig später waren alle draußen angekommen.
Auch Beverly hatte das Feuer gesehen und die Feuerwehr informiert, bevor sie ebenfalls nach draußen gerannt ist. "Mama", riefen Kevin und Cathrin im Chor, als sie ihre Mutter entdeckten. "Kinder, was ist passiert?" "Wir waren im Haus. Ich hatte mein Feuerzeug dabei und habe es unten hingelegt. Ich bin dann irgendwie gestolpert und dabei das Feuerzeug herunter geschmissen. Es muss dann aufgegangen sein. Wir haben dann nur das Feuer gesehen und sind herausgerannt", windelte Kevin seine Mutter an. "Na gut. Ist euch etwas passiert?" "Nein." "Dann ist ja gut."
Nach ein paar Minuten kam auch die Feuerwehr. Ohne etwas zu sagen, löschten sie den Brand. Erst nachdem alles gelöscht war, stellte sie die Kinder zur Rede. Kevin erzählte ihnen das gleiche, was er eben seiner Mutter erzählt hatte. "Mit Feuer ist nicht zu spaßen", hatte der Polizist gewarnt, aber großen Ärger hatten sie nicht bekommen.
Nachdem die Feuerwehr gegangen war und Beverly zurück ins Haus gegangen war, gingen die Geschwister zu Ashley und zu Sharon. "Ashley?" "Cathrin, warum hat es hier aus einmal Feuer gefangen? Was ist passiert?" "Du kannst dich an nichts erinnern?" "Nein." "Das ist super. Die Vergangenheit ist nämlich jetzt abgeschlossen. Ab heute beginnt ein neues Leben."



~Leiche im Wald

Ich bin eigentlich immer allein.
Ich gehe niemals aus, und es besucht mich auch niemand. Und nach der Arbeit kehre ich sofort nach Hause zurück.
Sicher, es gab da mal ein paar Freunde. Doch wie lange ist das schon her.
Und die Verwandten sind bereits alle tot. In meiner Familie starben alle früh. Nur Onkel Karl ist schon über 90. Aber der erkennt keinen mehr.
Wenn ich in meiner Wohnung bin, mache ich stets die gleichen Dinge. Ich lese, ich sitze vor dem Fernseher, vor dem Computer oder höre Musik. Über Kopfhörer.
Manchmal esse ich auch etwas. Aber ich habe selten Hunger. Ich esse überhaupt sehr wenig und bin dennoch nicht schlank oder gar dünn. Mein Körper scheint das ihm Gebotene auf seine eigene, ganz besondere Art zu verwerten. Auf jeden Fall scheint es ausreichend. Ich kümmere mich nicht darum.
Außer der Musik, die zumeist aus den Siebziger Jahren stammt, ist alles andere, womit ich mich beschäftige, eigentlich immer wieder neu, aktuell, ständig wechselnd. Trotzdem kommt es mir trostlos und eintönig vor. Wie ich mir selbst. Grau und langweilig.
Dabei möchte ich, dass etwas in meinem Leben passiert.
Und dass sich jemand mit mir beschäftigt. Doch ich fühle mich zu müde, um etwas auf die Beine zu stellen.
Ich bräuchte einen Impuls von außen. Etwas, das mein Leben grundsätzlich verändert, ohne dass ich all zu viel dafür tun muss. Weil ich doch so müde, zu müde bin.
Auf meinem Weg zur Arbeit laufe ich durch ein Waldstück. Für meine innere, langsame Vorbereitung auf die Aufgaben des Tages ist das ideal.
Es gibt auch eine alternative Strecke, die durch ein Gebiet mit hässlichen Neubauten führt. Aber sie deprimieren mich unendlich. Deshalb meide ich sie und gehe durch den Wald. Meinen Wald, wie ich ihn nenne.
Er sieht ständig anders aus. Oder ich nehme ihn einfach nur immer wieder anders wahr. Er ist das einzige in meinem Leben, das mir nicht eintönig vorkommt.
In letzter Zeit schaue ich mich besonders genau um, wenn ich durch den Wald gehe. Ich inspiziere ihn. Denn ich suche etwas. Ich suche eine Leiche.
Die Idee, dies zu tun, kam mir eines Abends beim Fernsehen. Es gibt jede Woche etliche Sendungen, die sich mit Kriminalfällen beschäftigen. Ich sehe sie mir alle an.
Dort passiert es oft, dass Mordopfer in Gebüschen oder Wäldern versteckt werden. Deshalb kann es auch sein, dass in meinem Wald eine tote Person liegt. Und die muss ich finden. Ich.
Wochen vergehen, aber ich lasse nicht locker. Ich bewege mich meist etwas abseits der Pfade im Unterholz und achte auf jede Kleinigkeit: ein Kleidungsstück, ein Taschentuch, aufgelockerte Erde, Haare.
Und dann ist es plötzlich wirklich soweit. Ich erkenne sofort die von Feuchtigkeit glänzenden, zusammengeschobenen Blätter, die einen unscheinbaren Hügel bilden. Das passt nicht hierher.
Wenn man ganz genau hinsieht, kann man auch die Spitze eines Schuhs erkennen.
Ich breche einen Ast ab und versuche damit, auf dem Boden einen Kreis rund um die Schuhspitze zu ziehen.
Doch ein Widerstand verhindert, dass sich der Kreis schließt.
Obwohl mir leicht übel wird, schiebe ich mit dem Ast hier und da ein paar Blätter zur Seite. Eine bleiche Hand kommt zum Vorschein. Sie gehört offenbar einem Mann. Sie ist schmutzig und blutverschmiert.
Ich überlege für einen Augenblick, ob ich sie berühren soll. Wenn sie kalt ist, habe ich tatsächlich eine Leiche gefunden. Hier verscharrt. Ich entscheide mich dagegen, es zu tun. Ich weiß, dass sie nur kalt sein kann. Bei diesem Gedanken wird mir augenblicklich schwindlig.
Ich besitze kein Handy. Aber am Ende des Waldes steht gleich neben der Bushaltestelle ein Telefonhäuschen. Von dort aus könnte ich die Polizei rufen.
Zunächst muss ich aber die von mir freigelegten Stellen wieder abdecken. Niemand darf die Leiche finden, bevor ich an den Fundort zurückgekehrt bin.
Ich verlasse das Unterholz und vergewissere mich vom Pfad aus, ob man von dort irgendetwas Verdächtiges sieht. "Nein", denke ich noch. Dann muss ich mich schon übergeben.
Ich zittere am ganzen Körper, aber trotzdem versuche ich, so schnell wie möglich zu laufen. Es sind vielleicht noch dreihundert Meter. Je länger ich laufe desto mehr beruhige ich mich. Das ist gut. Ich brauche jetzt einen klaren Verstand.
Die Polizei sagt natürlich, dass ich nichts anfassen und mich nicht von der Stelle rühren soll, sie wären in nicht einmal zehn Minuten vor Ort. Wie im Film. Ich sage: "Ja, danke!", und lege auf.
Die Dame bei der Auskunft ist hörbar irritiert, als ich die Rufnummern der drei größten Zeitungen der Stadt verlange. Die Telefonnummern sind so kurz, dass ich sie mir sonst vielleicht hätte einfach merken können. Aber ich muss jetzt doch Stift und Zettel aus meiner Tasche holen.
Ja, man würde sofort einen Reporter schicken. Dass ich lügen oder ein Verrückter sein könnte, zieht scheinbar niemand in Betracht. Die Sensationsgier lässt sie glauben.
Ich male mir bereits die Schlagzeilen aus: Der Tote im Wald - ein Mann berichtet über seinen schrecklichen Fund! Dazu gibt es ein Foto aus dem Unterholz, auf dem ein rotes X die bewusste Stelle markiert und eines von mir, Stefan L, Punkt, Klammer auf, 43, Klammer zu.
Es sind erst ein paar Minuten vergangen, und da kein Streifenwagen in Sicht ist, klingele ich an der Tür des Hauses, das sich unmittelbar bei der Telefonzelle befindet. Schneider steht auf dem Messingschild. Eine ältere Frau öffnet und schaut mich misstrauisch an.
"Eine Leiche. Im Wald. Gleich hier!", stammele ich in eher gespielter Aufregung. Sie schlägt sich die Hand vor den Mund und in ihren Augen steht das Entsetzen.
Das fasziniert mich.
Der Polizist, der mich anspricht, erschreckt mich maßlos, da ich den haltenden Wagen und die sich mir daraus nähernden Personen gar nicht wahrgenommen habe.
"Sie haben uns angerufen?"
"Ja, ich. Ich war das."
Innerhalb von Minuten stehen in meinem Wald so viele Menschen herum wie wahrscheinlich noch nie zuvor.
Während ich interviewt werde, sieht mich ein Mann, der wohl zur Spurensicherung gehört, höchst verärgert an.
Er ist bestimmt zwei Meter groß und macht mir Angst.
Jemand drängt sich an mich heran und schiebt ein weiteres Mikrofon unter mein Kinn. Er riecht streng und tritt mir auf den Fuß. Als ich merke, wie ich ins Stottern gerate, hebe ich den Kopf leicht und sehe in die Sonne zwischen den Baumwipfeln. Was dann passiert, weiß ich nicht mehr.
Obwohl es am nächsten Tag stark bewölkt ist, trage ich eine Sonnenbrille. Noch am Vorabend hatte trotz fortgeschrittener Stunde das Telefon mehrfach geläutet. Zwanzig, dreißig Mal. Ich habe aber nicht abgehoben und schließlich den Stecker aus der Wand gezogen.
Um Mitternacht war auch jemand an der Tür, doch ich lag bereits im Bett und habe das Licht nicht wieder angemacht.
Auf meinem Weg zur Arbeit kaufe ich am Kiosk im Neubaugebiet diverse Zeitungen. In jeder finde ich in jeweils einer kleinen, fotolosen Notiz, dass ein toter Mann in einem Waldstück gefunden wurde, dessen Identität noch nicht geklärt sei.
Ich nehme die Sonnenbrille ab und verstaue sie erleichtert in meiner Tasche.


Gratis bloggen bei
myblog.de